IAML Riga Congress Diary #2: Im Schloss des Lichts

Im Schloss des Lichts

Bericht vom Kongress der International Association of Music Libraries, Archives and Documentation Centres (IAML) in Riga, Lettland, 18.-22.06.2017

Dieser Beitrag stammt von Verena Funtenberger (Musikbibliothek der Stadtbibliothek Essen, Vizepräsidentin der AIBM Deutschland) und wird hier mit freundlicher Genehmigung von BI-International veröffentlicht.

Teilnehmer. Auf Einladung der Lettischen Nationalbibliothek fand der Kongress der International Association of Music Libraries, Archives and Documentation Centres (IAML) dieses Jahr vom 18. bis 22. Juni 2017 in Riga, der Hauptstadt Lettlands, statt. 242 Teilnehmer aus 36 Ländern waren angereist, deutlich weniger als im vergangenen Jahr in Rom. Die Teilnehmerzahl der deutschen Ländergruppe war mit 32 Anmeldungen erfreulich hoch und lag knapp hinter der Teilnehmerzahl der USA-Ländergruppe mit 34 Anmeldungen. Aus dem Gastgeberland, das keine eigene IAML-Ländergruppe unterhält, waren 10 Teilnehmer zu verzeichnen.

Tagungsort. Allein der Tagungsort wäre schon die Reise wert gewesen. Die neue Lettische Nationalbibliothek, spektakulär gegenüber der Altstadt von Riga am linken Ufer der Daugava (deutsch: Düna) gelegen, ist mehr als nur ein weiteres architektonisches Highlight der alten Hansestadt. Mit ihr hat sich das unabhängig gewordene Lettland ein eindrucksvolles, identitätsstiftendes Denkmal gesetzt. „Glass Mountain“ oder „Castle of Light“ nennen die Letten das Bauwerk, für dessen äußere Form sich der in Riga geborene amerikanische Architekt Gunnar Birkerts von zwei tief im nationalen Gedächtnis verwurzelten Legenden inspirieren ließ. Die eine geht auf die Erzählung des Nationaldichters Rainis zurück, in der eine Prinzessin auf der Spitze eines gläsernen Berges aus ewigem Schlaf erlöst wird. Die andere Legende ist das Lied vom versunkenen Schloss des Lichts, das erst dann wieder aus dem dunklen Fluss emportauchen wird, wenn das lettische Volk sich von seinen Unterdrückern befreit hat. Dieses Lied gehört zum festen Repertoire eines jeden lettischen Sängerfestes. Am 18. Januar 2014 bildeten mehr als 25.000 Menschen eine Kette über die Brücke der Daugava, um die ersten Bücher von der alten Nationalbibliothek in den Neubau weiterzureichen – eine starke symbolische Aktion im Rahmen des Programms der Stadt Riga als Kulturhauptstadt Europas. Mitte August desselben Jahres wurde das „Schloss des Lichts“ eröffnet: 25 Jahre nach der ersten Skizze des Architekten. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 193 Millionen Euro.

Blick von der Brücke über die Daugava auf die Lettische Nationalbibliothek   Lettische Nationalbibliothek

Beim geführten Rundgang durch die Bibliothek beeindruckte vor allem das großzügig angelegte Foyer mit angrenzenden Ausstellungsflächen, Konzertsaal, Restaurant und Buchladen. Darüber hinaus findet sich auf acht der 13 Ebenen, die wir besichtigen konnten, eine unglaubliche Anzahl an Lesesälen, Arbeitsplätzen und Veranstaltungsräumen, durch deren Fenster sich immer wieder einmalige Ausblicke auf die Altstadt und den Fluss eröffnen. An der Südseite des Atriums sieht man über fünf Etagen hinweg eine Regalwand hinter Glas – das „Bücher­regal des Volkes“: Alle Letten waren aufgerufen, ihrer Bibliothek jeweils ein Lieblingsbuch mit persönlicher Widmung zu spenden. Rund 4,5 Millionen Medien aus allen Wissensgebieten sind im Neubau untergebracht, die vorher auf sechs Standorte inner- und außerhalb der Stadt verteilt waren. Sammelschwerpunkt der Bibliothek sind gemäß ihres Auftrags Medien, die in Lettland publiziert werden, internationale Veröffentlichungen über Lettland sowie Werke von emigrierten lettischen Autoren.

Auf Ebene 5 konnten wir eines der lettischen Nationalheiligtümer bewundern, den berühmten „Daina-Schrank“ des Volkskundlers Krišjanis Barons. Dieser hatte seit der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts die sog. Dainas gesammelt: kurze, meist vierzeilige lettische Volkslieder. Er notierte sie einzeln auf 268.815 Zettel und ordnete sie in einem eigens dafür angefertigten Schrank nach bestimmten Kriterien. Es war der Grundstein für eine der weltweit größten Volksliedersammlungen. Seit 2001 zählt sie zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Bücherregal des Volkes

„Bücherregal des Volkes“


Daina-Schrank

„Daina-Schrank“

Musikland Lettland. Bei der Opening Session, die traditionell die Musikkultur des Gastgeberlandes in den Blickpunkt rückt, bekam man eine Ahnung davon, welche Sprengkraft das Volkslied und der Chorgesang in diesem relativ kleinen Land entfalten. Seit 1873 findet alle fünf Jahre in Riga das große Sänger- und Tanzfest statt, ein nationales Ereignis, an dem Zehntausende teilnehmen und die Geschichten und Mythen des Landes in Liedern lebendig werden lassen. Einen Eindruck vermitteln historische Tonaufnahmen und Dokumente zur Geschichte des Sängerfestes in den Digitalen Sammlungen der Lettischen Nationalbibliothek. Durch Singen bewahrten sich die Letten während der Zeit der Unterdrückung ihre Kultur. Singen schweißt sie bis heute zusammen. Ein Viertel der Bevölkerung, das sind 500.000 von 2 Millionen Einwohnern, ist in Chören organisiert. Der mehrfach international ausgezeichnete Staatschor „Latvija“, eines der führenden Vokalensembles, sorgte in einem für die IAML-Teilnehmer organisierten Konzert in der Nationalbibliothek mit Chorwerken lettischer Komponisten für Gänsehaut.

Traditionell besitzt das Land eine ausgesprochene Affinität auch zur klassischen Musik. Davon zeugen Künstler von Weltrang mit lettischen Wurzeln wie Gidon Kremer, Mariss Jansons, Elīna Garanča oder Andris Nelsons. Zentrum des Musiklebens ist und war die Hauptstadt Riga, die bereits im 17. Jahrhundert Anziehungspunkt für viele europäische Musiker war. Auch viele deutsche Musiker waren hier tätig. Von 1837 bis 1839 wirkte Richard Wagner als erster Kapellmeister am Rigaer Stadttheater, an dessen Stelle sich heute der Wagner-Konzertsaal befindet. In Riga schrieb er die ersten Takte von „Rienzi“; seine abenteuerliche Flucht von Riga mit dem Schiff nach London inspirierte ihn außerdem zu seiner Oper „Der fliegende Holländer“. Auf die Spuren eines in Deutschland zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Exilanten begab sich in einem Vortrag im Rahmen des Kongresses Jutta Lambrecht vom WDR: Leo Blech, einst Generalmusikdirektor der Königlichen Oper Berlin, musste wegen seiner jüdischen Herkunft 1937 nach Riga emigrieren. Dort war er bis 1941 Gastdirigent der Lettischen Nationaloper. Nach der Eroberung Rigas durch deutsche Truppen gelang es ihm glücklicherweise, rechtzeitig nach Schweden auszureisen.    

Aus dem Tagungsprogramm. Die einzelnen Veranstaltungen des IAML-Kongresses fanden überwiegend im Konferenzcenter auf Ebene 1 der Nationalbibliothek statt, was die Wege angenehm kurz gestaltete. Rund 90 Vorträge, 25 Treffen und Sitzungen von Arbeitsgruppen, eine zweiteilige Mitgliederversammlung, Poster Sessions und eine begleitende Ausstellung von Musikverlagen und Datenbankanbietern machten es nicht gerade leicht, eine Auswahl zu treffen, zumal viele Vorträge wie immer parallel stattfanden. Für mich als Vertreterin einer öffentlichen Bibliothek lag es nahe, vorrangig das Angebot der Public Libraries Section wahrzunehmen.

“The future of music libraries“ war das beherrschende Thema sowohl des Working Meetings als auch einer weiteren Vortragsfolge mit anschließender Diskussion. Nicht nur deutsche Musikbibliothekare treibt die Sorge wegen der zunehmenden Aufkündigung von musikbibliothekarischen Angeboten und Dienstleistungen in öffentlichen Bibliotheken um; Kollegen aus Tschechien, den Niederlanden, Finnland oder Norwegen berichten von ähnlichen Entwicklungen. In öffentlichen Bibliotheken gibt es immer weniger musikbibliothekarisch geschultes Personal, Notenbestände werden abgebaut, Fachwissen geht verloren. Die Leiterin der Musikabteilung der Zentral- und Landesbibliothek Berlin, Susanne Hein, und die Verfasserin dieser Zeilen  berichteten in unterschiedlichen Veranstaltungen über die Podiumsdiskussion „Die Zukunft der Musik in öffentlichen Bibliotheken“, die am 30. Mai auf dem Bibliothekartag in Frankfurt stattgefunden hatte. Sie war vom AIBM-Vorstand und der AG Öffentliche Musikbibliotheken organisiert worden.  Prominente Vertreter von deutschen Bibliotheks- und Musikverbänden und Susanne Hein als unsere Vertreterin hatten kontrovers über die Notwendigkeit  von öffentlichen Musikbibliotheken im digitalen Zeitalter diskutiert. Ein Zitat des Präsidenten des Deutschen Kulturrats Christian Höppner könnte durchaus als Richtschnur für künftiges Handeln auch nach Riga gelten: „Öffentliche Musikbibliotheken müssen lauter werden!“ (Audiomitschnitt und Rundfunkbeiträge unter http://bit.ly/2sxsZO5)

„It takes a war (to bring libraries together)” hieß der neugierig machende Titel eines Vortrags von Geoff Thomason. Drei Bibliotheken unterschiedlicher Sparten in Manchester, die Bibliothek des Royal Northern College of Music, das Archiv der Hallé Concerts Society und die Henry Watson Music Library, eine Abteilung der Central Library, hatten in einer gemeinsamen Ausstellung das Thema „Making Music in Manchester during World War I“ erarbeitet. Das vom Arts & Humanities Research Council geförderte Projekt warf erhellende Schlaglichter auf Begleiterscheinungen des Krieges für das Musik- und Alltagsleben: so waren z.B. Frauen, die normalerweise in der männerdominierten Musikwelt keine Chance hatten, als Musikerinnen plötzlich sehr gefragt. Eine amüsante Randbemerkung war der Hinweis, dass in dieser Zeit der Lebensmittelknappheit auch die Vegetarian Society durch organisierte Kochevents und Rezeptvorschläge großen Zulauf hatte. Aber das steht auf einem anderen Blatt (Blog von Geoff Thomason unter https://musicmcrww1.wordpress.com/).

Einen unterhaltsamen Beitrag lieferte die ungarische Kollegin Marianna Zsoldos von der Öffentlichen Bibliothek Bródy Sándor in Eger: Mit ungewöhnlichen Mitmachprogrammen begeistert sie Kinder für die Musikbibliothek und ist dafür auch bereit, in die Rolle einer Animateurin zu schlüpfen, ein Talent, das sicher nicht jedem Musikbibliothekar gegeben ist. Sogar die eher ernst gestimmten Kongressteilnehmer brachte sie am Ende ihres Vortrags dazu, in einem imaginären Luftinstrumenten-Orchester mitzuspielen. (Mitschnitt der Aktionen 2016 unter https://www.youtube.com/watch?v=F2QogH7-4vk)

Als Vizepräsidentin der deutschen Ländergruppe nahm ich dieses Jahr am IAML Forum of National Representatives teil. Die National Branches erhalten die Möglichkeit, das neu gestaltete IAML-Logo mit ihrem jeweiligen Länderzusatz zu übernehmen. Der Ersatz der individuellen Länder-Logos wird nicht zwingend vorgeschrieben, wäre jedoch wünschenswert, um die Zusammengehörigkeit unter dem Dach von IAML sichtbar zu machen. Der Vorstand der AIBM, wie sich die deutsche Ländergruppe in Abkürzung der französischen Bezeichnung von IAML nennt, favorisiert die Verwendung des neuen IAML-Logos. Dies ist jedoch nur sinnvoll in Verbindung mit einer Namensänderung von AIBM Deutschland in IAML Deutschland, was mit einer Änderung der Satzung verbunden wäre. Darüber werden die Mitglieder auf ihrer nationalen Tagung im September in Münster entscheiden. Weitere Themen des Forums waren u. a. die Förderung von jungen Berufskollegen, Gewinnung von neuen Mitgliedern durch Kontakte zu anderen Bibliotheksverbänden und Musikorganisationen, Anreicherung der Seiten der National Branches auf der IAML-Website durch Fotos und Beiträge.   

Abseits der Agenda und Ausblick auf Leipzig 2018. Die im letzten Jahr in Rom geborene Idee, dass sich Vorstandsmitglieder der Ländergruppen Österreich, Schweiz und Deutschland während einer Mittagspause zu einem informellen D-A-CH-Lunch zusammenfinden, erfuhr in Riga eine willkommene Fortsetzung. Weil der IAML-Kongress 2018 nach 26 Jahren wieder in Deutschland und zwar in Leipzig stattfindet, wurde eine weitere Mittagspause für ein Treffen mit Mitgliedern des AIBM-Vorstands und des Leipziger Ortskomitees genutzt, um offene Fragen zu klären. Mit einer fulminanten Präsentation in der Closing Session am Donnerstagabend gaben die Verantwortlichen des Leipziger Ortskomitees Barbara Wiermann und Anke Hofmann einen Vorgeschmack auf das hochkarätige Programm, das die Teilnehmer nächstes Jahr erwartet. Das Motto lautet: „Die Mischung macht’s – C’est le mélange qui compte – It’s the mix“. (Informationen im Laufe des Jahres unter http://iaml2018.info)

Rahmenprogramm. Eine bunte Mischung bot auch das Rahmenprogramm am Mittwochnachmittag, aus der jeder Teilnehmer die für ihn passende Exkursion wählen konnte. Wer noch nicht genug Bibliotheksluft geschnuppert hatte, konnte die Zentralbibliothek oder die Universitätsbibliothek besuchen. Opernfans warfen einen Blick hinter die Kulissen des Opernhauses, Stadtbummler begaben sich auf die Tour durch die Altstadt oder zu den historischen Markthallen, Kunstbeflissene hatten die Wahl zwischen dem Jugendstilviertel, dem neuen Kunstmuseum „Riga Bourse“ oder dem Lettischen Nationalen Kunstmuseum, 1905 vom deutschen Architekten Wilhelm Neumann erbaut und 2016 nach mehrjähriger Renovierung wiedereröffnet. Da ich in meiner Bibliothek auch das Kunstlektorat innehabe, entschied ich mich für letzteres. Nun kenne ich immerhin die Namen der bedeutendsten Maler Lettlands: Janis Rozentāls, Vilhelms Purvitīs, Johans Valters.

Im Lettischen Nationalen Kunstmuseum     Im Lettischen Nationalen Kunstmuseum

Vilhelms Purvitis

Vilhelms Purvitīs (1872-1945): „Nordic Night“, 1900

Wir wären nicht in Riga gewesen, wenn man uns ohne Gesang und Tanz wieder in die Heimat entlassen hätte. Im prunkvollen Festsaal des Hauses der Rigaer Lettischen Gesellschaft erwartete uns nach dem Buffet ein Ensemble in lettischer Tracht und mit landestypischen Volksmusikinstrumenten: Nach einigen gemeinsam gesungenen Refrains als Warm-ups fanden wir uns blumenbekränzt und an den Händen haltend im Kreis hüpfend und springend wieder. Farewell Dance nach Farewell Dinner. Ein wahrlich lettischer Ausklang einer glänzend organisierten, eindrucksvollen Tagung!

Farewell Dance

Dank

Die IAML-Kongresse ermöglichen den Erfahrungsaustausch mit Kollegen aus aller Welt. Projekte und Entwicklungen von Musikbibliotheken anderer Länder kennenzulernen ist zur Erweiterung des Horizonts und für die Bewertung der eigenen Arbeit von unschätzbarem Wert. Ich möchte BI-International deshalb herzlich für die finanzielle Unterstützung meiner Teilnahme danken.

Alle Fotos: © Verena Funtenberger

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